Presse-Grosso

Es gibt nicht wenige Kollegen von mir, die könnten über ihren Presse-Grossisten tagelang Geschichten erzählen und dabei den ein oder anderen Wut- oder Verzweiflungsanfall bekommen.

Aber bevor wir Anfangen, erkläre ich euch kurz den Hintergrund. Damit in Deutschland jede Publikation von Verlagen verkauft werden kann, gibt es die Presse-Grossisten. 93 “Presse-Grosso”-Gebiete gibt es in Deutschland, die Grossisten müssen jede Zeitschrift in ihr Sortiment aufnehmen und den Einzelhändlern, Buchhandlungen, Bahnhofskioske etc bereitstellen. So kann jeder Bürger theoretisch überall seine Wunschzeitschrift bestellen und nebenbei ist die Pressefreiheit auch noch gewahrt.

Im Gegenzug kann sowohl der Grossist als auch der Einzelhandel etc seine Zeitschriften und Zeitungen remittieren dh zurückgeben – ohne Verlust.

Soweit, so gut. Konkurrenz? Ausgeschlossen! Feste Liefergebiete für Grossisten ergibt keine Konkurrenz. Der Einzelhändler muss zu dem für das Gebiet zuständigen Grossisten gehen – ohne wenn und aber (Ausnahmen: Berlin und Hamburg).

Das ganze läuft wie bei uns wie folgt ab: Jeden Morgen kommt ein Fahrer und liefert Bündel mit Zeitschriften, zweimal in der Woche nimmt er die alten Presseerzeugnisse wieder mit.

Wir kontrollieren auf dem Lieferschein die Menge und prüfen bei der Rechnung die Retouren.

Was aber, wenn die Mengen (sowohl Lieferung als auch Retoure) nicht stimmen? Permanent?

Einige Kollegen haben sich schon soweit mit ihrem Grossisten überworfen das die Fronten absolut verhärtet sind und kein Auskommen mehr ist. Mengen die angeblich hinten und vorne nicht stimmen, mehrere tausend Euro verlust. Ein Wechsel? Unmöglich. Gesetzlich verboten.

Bessere Margen? Unmöglich! Bessere Lieferungen? Ausgeschlossen! Besserer Service? Gibt es nicht. Woher auch. Konkurrenzlos glücklich!

Wann ich das letzte mal meinen Aussendienstleister gesehen habe? Als er eine Unterschrift von mir wollte.

Klar sagt der Grosso-Verband immer, so wird garantiert, dass die Presseerzeugnisse auch alle ordentlich verfügbar sind, dass will ich auch garnicht bezweifeln, aber man könnte das Gesetz auch einfach umschreiben:

1. Horizontale und Vertikale Preisbindung

2. Alle Presseerzeugnisse müssen zur Verfügung gestellt werden

3. Remissionen sind Pflicht

4. Taggenaue Lieferungen

So könnte der bestehende Presse-Grosso endlich eine Konkurrenz bekommen, die Margen könnten steigen, unglückliche Kollegen endlich wechseln und einen besseren Kontakt zu seinem “Händler” liefern! Denn wenn einmal die Fronten verhärtet sind und sich jeder in seinem Recht wähnt, dann gibt es kein Vor und Zurück mehr.

Aber vielleicht denke ich da auch viel zu liberal, ich bin es ja gewöhnt auf dem umkämpften Tankstellenmarkt mit Konkurrenz zu leben und denke das es auch in der Grossistenbranche nicht schaden würde…

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3 Kommentare zu „Presse-Grosso“

  1. Torsten Dewi sagt:

    Das deutsche Grosso-System hat ja noch andere Haken – es verhindert z.B., dass Verlage (wie in den USA) nennenswerte Rabatte für Abonnenten einräumen dürfen (Zeitschriften wie People und Playboy bekommt man drüben teilweise mit 90 Prozent Nachlass!).

    Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es darum: In Deutschland werden die Anzeigenpreise der Magazine nach der verkauften Auflage berechnet, und die kommt über den Grosso verlässlich rein (lassen wir mal die Freiausgaben in Flugzeugen u.ä. außen vor). In den USA werden die Anzeigenpreis stärker an die Abonnentenzahlen gebunden. Ein Abonnent mag also über den Heftpreis keinen Profit bringen, aber er steigert direkt und konkret den Anzeigenerlös.

    Die Grossisten in Deutschland haben Angst vor dem Abo-System der USA, weil es Leser belohnt, die eben NICHT an den Kiosk gehen. Der Leser wiederum muss sich weiter mit schwach rabattierten ipods und Canvas-Taschen abspeisen lassen – reduzierte Heftpreise sind in diesem System nicht erlaubt.

    So habe ich das zumindest verstanden.

  2. patrick sagt:

    hallo torsten,
    die grossisten unterliegen ja der horizontalen und vertikalen preisbindung per gesetz (siehe dazu wikipedia: unter ‘presse grosso’: “Das Pressegrosso unterliegt sowohl der vertikalen – der Preis für die Abgabe des Grossisten an den Einzelhändler ist festgelegt – als auch der horizontalen Preisbindung – der Endpreis für den Käufer ist vom Verlag festgelegt.”). Quasi wie bei den Büchern auch.

    natürlich gibt es über den grossisten verlässliche zahlen, weil auch diese die zeitschriften rückremitieren an den verlag, aber das würde auch geschehen, wenn der markt liberalisiert würde, denn jeder zeitschriftenlieferant würde seine zeitschriften auch zurück geben.
    das heißt bei einer garantierten abnahmemenge würde der verlag uU sogar profitieren, aber das ist natürlich nur eine gedankenspielerei!

    natürlich hast du mit dem rest recht, aber soweit ich weiß, verbietet es doch der gesetzgeber, so starke abonachlässe zu geben, deswegen doch auch immer der umweg über “abo an ‘freunde’ verschenken” oder?

    und danke für deinen kommentar! ich liebe dein blog :o )

    lg patrick

  3. Sebastian sagt:

    Mir sind diese elendigen Abos auch ein Dorn im Auge, wenn ich das immer in den Blättern lese, könnt ich ehrlich gesagt brechen. Beispiel ?

    Aktuelle MacUp : 12 Ausgaben (Lieferung frei Haus ist klar) & 35.-€ als Geschenk.
    Die Zeitung kostet 5,90€, sprich 12×5,90=70,80-35= 35,80
    oder anders : 49,43% Rabatt.

    Über das Problem von dem du schreibst, kann auch ich ein Lied singen, außer das ich meinen Außendienstler erst vor 2 Wochen gesehen habe, weil er mit mir ne Auswertung gemacht hat. ;-)

    Neulich stand auch irgendwo was über einen Kioskbesitzer, der mit seinem Grossist vor Gericht ging. Er hat afair 6 Monate lang die Arbeit gemacht & alle Lieferungen morgens in eine Excel Liste eingekleppert. Soll-/Ist-Vergleich.
    Nach 6 Monaten hatte er eine Differenz von um die 10.000€.
    Vor Gericht gab es dann einen Vergleich glaube ich.

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