Ich habe in den Abgrund geblickt …

…und ich bin noch einen Schritt weitergegangen.

Gastkommentar von Sebastian

19:00 Uhr, Freitag, 16.10.2009  (60 Minuten vor Geschäftsschluss) :

Die erste Kundin stand vor mir und wollte bezahlen. Ich fragte nach der Säule und sie nannte mir Ihren Zapfpunkt.

“Entschuldigen Sie, aber da wird noch getankt, sind Sie allein, oder tankt jemand für Sie ?”

Sie erwiderte, das sie alleine ist und fertig wäre. Also ich schnell raus, evtl. hängt die Pistole nicht richtig in der Aufnahme. Pistole hängt, Pumpe steht still. Wtf?! Also wieder rein in den Shop, mittlerweile hatten sich 2 Leute dazugesellt. Kassendisplay gecheckt :

Tankt - Tankt – frei - …

Frage in den Raum : “Alle getankt?” – Einvernehmliches Nicken. Auf in den Technikraum und siehe da, die Koppel-Elektronik blinkt S O S (eine Art Dolmetscher zwischen Säulen und Kasse). Also Netzstecker raus, 1,2,…10, Netzstecker wieder rein Leuchte brennt dauerhaft. Tschagga !

Wieder im Shop schaue ich ins Display

Gesperrt     Super Bleifrei      34,75€ - Tankt - frei – …

Kundin 1 abgezogen, tausendmal entschuldigt, wieder rausgelaufen. S O S, Netzstecker raus, rein… Im Shop:

frei - Gesperrt   Diesel    68,34€ - frei – …

Also Kunde 2 abkassiert. Bei Kunde 3 ließ sich nichts machen, Betrag von der Säule abgelesen, abkassiert und angefangen Schilder an die Säulen zu hängen “Technische Störung”. Hätte ich gewusst, dass diese Schilder erst heut Nachmittag gegen 14Uhr wieder abgenommen werden, hätte ich mir mehr Mühe in puncto Kreativität gegeben.

“Aber eins nach dem anderen, so wie die Klöß’ gegesse wer’n.”

19:45 Uhr, Freitag, 16.10.2009:

Versucht beim Tankstellenbauer anzurufen, Bandansage:
“Bitte wählen Sie die Ihnen bekannte Notfallnummer!” – Errrr bekannt? Also den technischen Ansprechpartner unseres Lieferanten angerufen und nach der Nummer gefragt. Er hatte leider keine Nummer für unser Gebiet zur Hand und versprach Rückruf.

20:30 Uhr, Freitag, 16.10.2009 (30 Minuten nach Geschäftsschluss) :

Telefon klingelt, Rufnummer unterdrückt.
“Hier Firma XY, haben sie einen Wartungsvertrag ?” – “Auch Guten Abend, Tankwart mein Name, entzieht sich leider meiner Kenntnis, Problem ist sich folgendes …”
“Okay, rufe den Techniker an, der wird sich bei Ihnen melden.”

21:00 Uhr, Freitag, 16.10.2009 (60 Minuten nach Geschäftsschluss):

Es klingelt, am Telefon versteht sich. “Ja Meier Firma XY, wo brennt’s denn ?” – “Abend, Problem ist sich folgendes…”

21:45 Uhr, Freitag, 16.10.2009 (105 Minuten nach Geschäftsschluss) :

Nach diversen Versuchen die Koppel-Elektronik doch noch zur Mitarbeit zu bewegen tritt Resignation ein.
Der Tag endet mit der Bitte am nächsten Tag im Büro anzurufen (Frage: Geschlossen?  Antwort: Neee ist jemand da.) und einen Fall aufzumachen. Die Leitung war informiert, der Aushilfe wurde abgesagt, und ich begrub die letzte Hoffnung auf mein erstes freies Wochenende seit Anbeginn der Zeit.

8:30 Uhr, Samstag, 17.10.2009 (mein “freier” Tag):

Vierter Anruf bei Firma XY, wieder der AB wg. der Notfallnummer *grml*, kein Mensch wollte einem mitteilen, das man die direkte Durchwahl nehmen muss, habe ich dann irgendwann selbst herausgefunden.
“Problem ist sich folgendes…” – “Okay, schicke einen Techniker”.

Exkurs :

1. Nostalgie-Phase 8:00 Uhr bis 13:00 Uhr : Oma und Opa kennen das nicht anders, man wird an der Säule freundlich empfangen, bekommt nach dem Tanken einen Zahlschein in die Hand, mit der Bitte diesem im Kassengebäude abzugeben. Dort steht dann jemand, tippt das alles ein und fragt nach der gewünschten Zahlart. Die Zapfsäule wird per Hand zurückgesetzt und weiter geht die wilde Fahrt.

13:00 Uhr, Samstag, 17.10.2009 (mein “freier” Tag):

Pünktlich zum Schichtwechsel, als ob der Kollege Ihn geschmiert hätte, schafft es der Techniker (seit ca. 10:00 Uhr auf der Station) die Situation augenscheinlich zu richten.
Normaler Betrieb ist, nach 90 Minuten komplettem Stillstand, wieder möglich. Zurück bleibt die Erkenntnis, das man doch einen guten Ruf haben muss, denn ca. 30 Autos fahren in der Zeit des Stillstandes aufs Gelände und hängen bereitwillig, bei Mastpreisen von 1,60€ für 1 Liter Super, die Pistole aus. Das Wochenende ist nicht ganz im hinüber und es geht heim.

to be continued…

17:00 Uhr, Sonntag, 18.10.2009 (der Rest meines freien Wochenendes) :

Anruf von der Arbeit, Chefin : “Hier geht gar nichts mehr, was soll ich tun ?”

Ich : “Danke für die präzise Beschreibung, was genau geht nicht ?”

C: “Na es ist genau so wie gestern.”  - BING BING BING *Amoklauf*

Ich : “Gut das ist jetzt ein Für & Wieder, ich würde heut früher schließen und morgen früh gleich bei Firma XY anrufen.”

12:30 Uhr, Montag, 19.10.2009 :

Ich finde mich an der Station ein, und werde freudig empfangen von : Meinem Kollegen, der Chefin, einem Kassentechniker (?!) und ca. 6 Kunden. Ja man merkt gleich, das es Montag sein muss, aber wo bitte ist der Tankstellenbauer? Kurzen Überblick verschafft: Der Tankstellenbauer ist neue Teile holen, der Kassentechniker wurde vom Tankstellenbauer bestellt, weil er meinte der Fehler liege an der Kasse, was der Techniker widerlegt hat, er schreibt grad seinen Stundennachweis und ist dann weg.

15:15 Uhr, Montag, 19.10.2009:

Chef und ich sind allein auf der Station, der Techniker ist mittlerweile eingetroffen und am lustigen Teile tauschen. Bedingt durch das Austauschen der Platinen zeigt unser Mast nun  0,00€ für alles an. Ich tanze auf dem Forecourt herum, bewaffnet mit Zettel und Stift und erkläre zum X-ten Mal, das bei uns NICHT FFH zu Gast ist, das wir ein technisches Problem haben, und das der Sprit das kostet, was die Säule anzeigt, und nicht das gilt, was auf dem Mast steht.

17:00 Uhr, Montag, 19.10.2009 :

Rush-Hour am Montag, ein (Alb-)Traum. Am Mast steht wieder der utopische Betrag von 1,60€ und kaum einer kommt. Auf einmal bricht die Hölle aus, der Mast zeigt wieder 0,00€ und die Leute strömen in Scharen zur Tankstelle, aber warum ? Die Antwort lieferten dann diverse Kunden. Die
A-Marke im Ort kostet 0,08€ mehr als die andere freie am Ort, die „günstige Marke“ nebenan hat kein Super Bleifrei mehr (ein montäglicher Dauerfehler bei denen) und bei euch steht ja auch 0,00€ auf dem Mast.

17:30 Uhr, Montag, 19.10.2009 :
Meine Verlobte hat sich freundlicherweise bereiterklärt auch Zettel zu verteilen, Chef musste nämlich weg wg. eines wichtigen Termins. Also stehe nun ich hinterm Tresen, während die 2 Damen die Kundschaft mit Zetteln versorgt. Der Tankstellenbauer kniet fluchend hinter mir und ist
dabei zu konvertieren.
TB : “Ich kapiers nicht, ich hab jetzt sämtliche 3 Brocken gegen jeweils 3 andere getauscht, ich verzweifel hier noch.”
Ich : “Kenn ich noch von meiner Lehre. Kommt evtl. etwas spät, aber hast du mal die Kabel überprüft ? Nicht das eines nen Bruch hat ?”
TB : “Ah ne, ich fang jetzt nochmal von vorne an, vielleicht hab ich mich ja irgendwo vertan.”
18:00 Uhr, Montag, 19.10.2009 :
Techniker gibt auf, klärt das Morgen in der Firma und meldet sich dann wieder, ab ca. 8:00Uhr versteht sich.

Unsere Öffnungszeit : 6:30 Uhr. Eindringlicher Hinweis der Chefin, das die Tankstelle morgen wieder zu laufen hat, wenn sie es nicht hinbekommen, dann sollen sie es bitte früh genug sagen, über ein Upgrade der Kasse wäre der Wegfall dieser Teile möglich.
Der Dienst endete dann damit, das die 2 Damen weiterhin fleißig schrieben, während ich die Tastatur zum Glühen brachte, hin und wieder macht sich Übung einfach bezahlt.
21:45 Uhr, Montag, 19.10.2009:
Anruf der Chefin. Was mag jetzt noch kommen? Brennt es?
Chefin : “Der Backoffice Rechner funktioniert nicht, der Monitor bleibt schwarz.“
Ich : “Blöd gefragt, ist er denn an ? Sprich welche Farbe hat die LED am Bildschirm ?“
Okay der Monitor war also an, der Versuch den Rechner neu zu starten führte zum selben Ergebnis.
Per Remote auf den Rechner zu gelangen schlägt fehl, auf den zweiten Rechner im Büro aufgeschalten funktioniert. Router aufgerufen, Backoffice PC ist nicht LAN registriert. Also habe ich sie auf Morgen vertröstet, vor 7:30 Uhr ist die Firma nicht im Büro.
6:30 Uhr, Dienstag, 20.10.2009 :
Meine Verlobte, hatte Gott sei Dank nen Tag frei, öffnet mit mir die Station im bewährten Modus.
Handbetrieb, sie schreibt und ich tippe. Die geplante Preiserhöhung fällt bei uns ins Wasser, es geht ja nichts, entsprechend der Andrang. Bereits am Vorabend hatte ich das unserem Lieferanten signalisiert.
8:45 Uhr, Dienstag, 20.10.2009 :
Anruf meinerseits bei Firma XY, Nachfrage wo der Techniker bleibt, erneute Erinnerung an die Worte der Chefin, es MUSS klappen, ansonsten muss nämlich ICH nach Köln fahren und die Teile für den Techniker besorgen, der die Kasse umbaut. Unser Lieferant weist uns an die Preise am Mast
per Hand umzustellen, das müsste gehen, damit wenigstens am Mast die geplanten Preise stehen, die Konkurrenz würde seine Telefonanlage zum schmelzen bringen, wieso wir nicht die Preiserhöhung durchführen.
11:00 Uhr, Dienstag, 20.10.2009 :
Der Tankstellenbauer trifft ein und ist zuversichtlich, er habe in der Firma alles getestet, es müsse am Kabel liegen *FLASHBACK*. Er fängt an das Kabel zu öffnen und die Leitung durchzumessen. Ich fange an Ihn zu hassen. Auch der Kassentechniker trifft wegen dem Backoffice PC ein, ich muss mit Ihm ins Büro. Mainboard defekt, er stellt uns einen Leihrechner hin. Auf die Frage nach der Festplatte meint er, die Tankstellendaten kann er übernehmen. Als ich im mitteile, das auch unser Buchhaltungsprogramm auf diesem Rechner läuft wird er nervös, ich auch. Backups sind toll, man muss sie halt nur anlegen, in letzter Zeit habe ich das allerdings schändlich vernachlässigt. Dann die Erlösung, der Leihrechner ist ein Klon von unserem eigenen Rechner, die Festplatte läuft nach einem Quertausch direkt und ohne Mucken an, das Betriebssystem startet.
Erstmal ein Backup des Buchhaltungsprogramms angestoßen, diese Schlacht wäre geschlagen.
14:00 Uhr, Dienstag, 20.10.2009 :
Die Tankstelle läuft wieder, neben dem Kabel das falsch geschaltet war, und dem Tankstellenbauer beim Löten bei PIN 47 (25-poliger Stecker, 2 Enden) abgebrochen ist, bedeutet Neuanfang, hatte es auch die Koppel-Elektronik zerlegt. Das war vermutlich das Ergebnis des falsch geschalteten Kabels, das 12 Jahre lang brav seinen Dienst verrichtet hat, der Hersteller der Platine meinte allerdings die Belegung der PINs ändern zu müssen. Dadurch kam Strom an Stellen, wo er nicht hin sollte. Vor uns liegen nun diverse Stunden Nacharbeit im Büro : Kontrolle der Journale auf evtl. Fehler, Einbuchen der Stationskarten-Belege, Vergleichen der EC Zahlungen mit den Zetteln…
16:45 Uhr, Dienstag, 20.10.2009 :
Meinerseits Anruf auf der Station, es klingelt verdächtig lange. Schweißperlen treten auf meine Stirn, mein Kreislauf beschleunigt sich. Der Chef geht ran, gereizte Stimme :
Chef : “Was ist denn ?“
Ich : “Chef sag mir bitte das alles geht, sonst dreh ich am Rad.“
Chef : “Ja ja, alles gut, nur viel Betrieb, bis Morgen.“ – Legt auf.
Um mit den Worten eines anderen “berühmten” Bloggers abzuschließen : Kopfschüttel.

4 Kommentare zu „Ich habe in den Abgrund geblickt …“

  1. morphium sagt:

    die Konkurrenz würde seine Telefonanlage zum schmelzen bringen, wieso wir nicht die Preiserhöhung durchführen.

    Ist das ein Eingeständnis, dass die Tankstellen untereinander illegale Preisabsprachen treffen?

  2. patrick sagt:

    @morphium: nein, wieso illegal? Die anderen haben nur auf den “öffentlich-einsehbaren” Preismast geschaut und diese Zahlen bzw Preise an ihre Gesellschaft gemeldet!

  3. TC-SuperTanke sagt:

    die Tankstellen nicht …

  4. Sebastian sagt:

    @Morphium :

    Nein. Das war die Frage der anderen Gesellschaften, warum wir den kartellrechtlich vorgeschriebenen Einstandspreis (EK+Steuern) nicht eingestellt haben.
    Seit geraumer Zeit ist es in D verboten das Tankstellen unter dem Einstandspreis verkaufen.
    Deswegen haben wir in D noch keine Hofer Tankstellen, und neben den 3 Grossen noch andere Tankstellenmarken.

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