
Teil I [www], II [www], III [www], IV [www]
Es gibt ja zehntausende Schichtarbeiter in Deutschland, die sich mit Früh- und Spätschicht abwechseln und ein Teil davon arbeitet auch Nachtschichten.
Einige Büromenschen können sich kaum vorstellen, welche körper- und psychische Strapazen das ganze mit sich bringt. Viele kommen damit allerdings ihr ganzes Berufsleben mit aus und machen das auch relativ gerne.
Bevor ich zu dem eigentlichen Beitrag komme, möchte ich noch ein paar Absätze (!!!) zur Einleitung schreiben.
Anders sieht das oft mit der Berufsgruppe unserer Bevölkerung aus, die im Prinzip nur Nachtschichten arbeiten. Einen Freundeskreis aufbauen? Fast unmöglich. Den Freundeskreis halten? Sehr schwierig.
Wer Arbeitszeiten von neun bis acht Uhr hat, der ist morgens im günstigsten Falle halb neun Zuhause. Dann eventuell einkaufen, etwas essen, kurz Fernsehen oder die Wohnung aufräumen und dann bricht quasi schon der Mittag an. Schlafen, nach sieben Stunden aufstehen und dann darf man sich schon wieder fertig machen zum arbeiten.
Warum ich das erzähle? Es ist manchmal wichtig zu wissen, wieso Menschen sind, wie sie eben sind. Gerade im Winter leben diese Leute quasi nur in der Dunkelheit. Zwei Stunden Licht. Das war es was man von der Sonne mitbekommt. Deswegen sehen manche Angestellten auch so aus, wie sie aussehen. Wenn der Tagesrythmus der restlichen Gesellschaft nicht mehr zu dem eigenen Zeitplan passt, dann wird es schwierig mit der gesunden Ernährung. Die Haut braucht Licht und keine Neonröhrenstrahlen. Der Geist braucht Abwechslung und Endorphine und keine verrückten Kunden und viel Adrenalinausschüttung.
Wer solche Schichten jahrelang mitmacht, der wird meist Sichtbar für andere und zwar als “Unnormal”! Ich kenne viele Kollegen die entweder durch viel Fertiggerichte äußerst dick wurden oder eben durch zu wenig Mahlzeiten fürchterlich abmagerten. Die Haut oft fahl und blass und durch Flecken gekennzeichnet.
Ich war schon immer ein kleiner Nachtschwärmer und habe jahrelang von den Kollegen der Nachtschicht erzählt bekommen, was Abend und Nachts vor sich geht. Tolle und interessante Geschichten. Ich habe immer wieder gerne zugehört.
Aber warum machen diese Leute das? Zum einen sind auch diese Nachtschwärmer, es gefällt einfach. Zum anderen will man eben Arbeiten gehen und wer nichts anderes findet, bleibt dabei.
Der dritte Punkt aber ist manchmal: Es sind großartige Geschichtenerzähler. Von Türstehern zu Taxifahrern und Kassierern bis Fabrikarbeiter. Wer zu lange die gleichen Geschichten erzählt, der glaubt oft daran. Fantasie mischt sich mit der Realität und wird eins. Dazu winken von 25 bis zu 125% (Heiligabend) Nachtzuschlag.
Meine ersten Nächte gab es mit 18 Jahren, ich war damals noch in der Ausbildung. Damals teilten sich zwei Kollegen sämtliche Nachtschichten über das ganze Jahr hinweg. Pro Schicht zehn Stunden. Drei Tage arbeiten, drei Tage frei.
Sie wollten es so, konnten sich dafür längere Zeit Urlaub nehmen um in einen Tagesrythmus zu kommen und nicht so weiter zu leben, wie man eben Arbeitet. Der eine Kollege machte es immer ganze geschickt und flog in seinem Urlaub über ein paar Zeitzonen und verbrachte dort einen Urlaub ohne Jetlag. Das gleiche galt auch für den Heimflug, denn am nächsten Tag musste er direkt wieder arbeiten.
Und genau in dieser Zeit, habe ich immer Nachts gearbeitet. Da die Kollegen immer direkt hintereinander ihren Urlaub legten, konnte ich immer einen kompletten Rythmus durcharbeiten und verstand dann nach der ersten Phase von 20 Wochen, wieso alles ist, wie es ist.
Die ersten Tage sind noch leicht, etwas behäbig unter Umständen, aber spätestens nach der dritten Woche, kommt der erste Tiefpunkt. Das Leben besteht aus Arbeiten, nach Hause kommen, etwas essen, eine Stunde Freizeit und schlafen. Sieben Stunden über Mittag und Nachtmittag hinweg zu schlafen scheint so einfach. Doch wenn draußen das pralle Leben weiter geht, der Lärmpegel in diesem Moment ins unermäßliche steigt, wird man Wahnsinnig.
Stellt euch vor, ihr werdet um zwei Uhr Nachts geweckt, weil in der Wohnung nebenan umgeräumt wird, der Nachbar von gegenüber den Rasen mäht und gefühlt zehn Kindergärten vor der eigenen Haustür Fussball spielen. Oropax ist toll, aber kein Wundermittel und vor allem: Wie höre ich dann den Wecker?
Aber das betrifft natürlich nicht nur die Angestellten, es gibt auch genügend Kurierfahrer, Speditionen die ihre Ware noch Nachts ausliefern müssen. Dieser Teil und deswegen war die Einleitung auch so wichtig, handelt erst von der generellen “Geschichte der Nacht, Teil 5“!
wir hatten einen Speditionsfahrer, der steif und fest behauptete, er arbeite in Wirklichkeit für die CIA. Er wurde im Kuweitkrieg angeworben und arbeite seitdem als Geheimagent. Seine Mission streng geheim aber das könne er mir ja anvertrauen.
Die Wochen vergingen und jede Nacht erzählte er mir beim Kaffee das gleiche. Ich liebe ja diese ganzen abgefahrenen Dinge. Ich weiß, dass ich angeflunkert werde, aber was solls. Die sollen sich toll und wichtig vorkommen dürfen und ich habe dafür ein paar lustige Minuten gehabt. Besser konnte es auch Akte X nicht.
Karl, so nennen wir ihn jetzt einfach mal, hat im Grunde einfach nur zuviel fern geschaut. Dazu war er nicht verheiratet, hatte keine Familie oder Freunde und nur Kontakt zu Kunden oder eben uns. Der war froh, mal reden zu können. Und was hätte er auch seinem Leben berichten sollen?
Nachdem er merkte, dass er in mir einen Zuhörer gefunden hatte, wurden die Storys immer größer, besser und härter. Das gripfelte irgenwann darin, dass der nur noch Anweisungen von Präsident Clinton hätte annehmen dürfen und er nur noch dann kontaktiert werden würde, wenn die USA keine geeigneten Agenten mehr hätte.
Er war quasi die Speerspitze, der amerikanischen – eher der Welt – Agenten. Das Karl gerade mal 1,70m klein war und dazu noch geschätzte 110 Kilo wog, war natürlich nur Tarnung. Karl war quasi der Jack Bauer der Agenten. Immer da, immer alles im Griff und Nerven wie Drahtseile. Zumindest in seiner Fantasie.
Hin und wieder erzählte er mir, wie er neue Arten des Todesgriffes entwickelte – natürlich nur theoretisch – er sei ja ein friedliebender Mensch und könne keiner Fliege was zu leide tuen. Was ja auch stimmte.
Zeigen wollte er mir das nie, denn solch ein Wissen darf NIEMALS weitergegeben werden. Er könnte damit mir ja zeigen wie man Leute umbringt, ohne auch nur eine winzige Spur auf den Täter zu hinterlassen. Dieses Wissen könnte ich im Extremfall ja mal hergeben müssen. Mafia und so.
Bildquelle: leAcronym / pixelio.de
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Veröffentlicht in Kunden