Vertrauen ist so eine Sache. Manche Menschen haben diese Gabe niemals bekommen und wären alleine mit dieser Eigenschaft mit einer Selbstständigkeit schlecht beraten. Zumindest wenn mal mehr als eine Person in der Firma arbeiten sollen.
Ich MUSS Vertrauen können. Ich kann nicht 18 Stunden hier an der Tankstelle stehen und alles alleine machen. Das würde mit der besten Organisation nicht funktionieren! Banken haben weder vor sechs Uhr auf, noch nach 22 Uhr. Das gleiche gilt für Steuerberater, Großhändler und andere auftretende Termine.
Aber wie das so ist, wo viel Vertrauen auf viele Schultern verteilt wird, da bricht irgendwann etwas zusammen. Im günstigsten Falle, war es der ein oder andere kleinere Fehltritt. “Ich bin Krank, kann leider morgen früh nicht arbeiten!” – gesund genug für die Disco Abends war man dann aber.
Das belastet das Verhältnis zwar erst einmal, eine Abmahnung und ein paar Worte später, läuft das alles wieder in gewohnten Bahnen. Sollte es auch, Fehler machen wir alle Mal.
Dann kommen die großen Fehltritte und der Missbrauch des Vertrauens, bei dem einem klar ist, dass funktioniert hier nicht mehr so. Jetzt ist ein Punkt erreicht, bei dem ist Schluss. Da geht es nicht nur um das Vertrauen und ein zerrüttetes Verhältnis, da geht es auch um das eigene Konto.
Gerade an Tankstellen häufen Pächter keine großen Summen an. Alles was den Kunden viel Geld kostet, daran verdient man nicht mehr viel. Zigaretten oder Öl zum Beispiel.
Für die Mitarbeiter allerdings schnelles Geld. Da kann man in einer acht Stunden Schicht schonmal den ein oder anderen Hunderter mitgehen lassen. Nicht sehr lange, weil das Ruck Zuck auffällt, aber ein paar Tage funktioniert das wohl schon.
Auf der anderen Seite, stetig nährt sich das Eichhörnchen. Wer mehrmals die Woche arbeiten geht und jedesmal Ware im Wert von 20 – 40 Euro “verschwinden” lässt, wird eine gute Zeitlang damit durchkommen. Vor allem wenn man weiß, dass Chef oder Cheffin einem Vertrauen. Da gab es schon Fälle, in den mehrere zehntausend Euro gefehlt haben. Natürlich über einen Zeitraum von ein paar Jahren.
Was es aber bedeutet, dass für jede geklaute Ölflasche zehn bis zwanzig andere Verkauft werden müssen um den Verlust wett zu machen, interessiert dabei keinen. Das am Ende des Jahres Steuern bezahlt werden müssen auch nicht. Wenn aufgrund dessen Zahlungsschwierigkeiten auftreten, bei denen die Kollegen später Geld als üblich bekommen, auch nicht. Das eigene Geld ist sicher.
Ich mag gar nicht daran denken, wieviele schlaflose Nächte viele Selbstständige haben, die sich gleichzeitig immer mehr Arbeit aufbürden um sich die schwarze “Null” zu verdienen und ihren Körper mehr belasten als ihnen gut tut, nur weil ein Mitarbeiter zu lange Finger hat. Aber das ist ja nicht deren Problem.
Gerade an Tankstellen ist das Problem häufig, dass Mitarbeiter jeden Tag viel Geld einnehmen, aber nicht bedenken, dass davon 85 – 90% direkt an die Gesellschaft abfließen und der Rest geht zu 98% für Wareneinkäufe, Löhne, Strom, Instandhaltung, Wartungsarbeiten, Versicherung, Müll, Wasser, Fortbildungskosten, Geschäftsausstattung, Gebühren und Warenverluste dahin. Hier fehlt einfach die Relation.
Bei Mitarbeitern die relativ lange Finger haben und viermal die Woche da sind und dabei jedesmal 30 Euro an Geld oder Ware verschwinden lassen, sind das innerhalb eines halben Jahres fast 3000€ Warenverluste.
Wer relativ geschickt ist, sich Vertrauen erarbeitet oder aufgebaut hat – manchmal über mehrere Jahre – der schafft diese Zeit oft gefährlich einfach.
Natürlich, da spielt das Augen zu machen der Eigentümer oft eine große Rolle, dieses Gefühl es nicht wahrhaben zu wollen. Manchmal weiß man ganz tief innen, dass da wohl was schief laufen mag, aber man nimmt es dann doch nicht wahr.
Am Ende braucht man handfeste Beweise, dass vom Personal geklaut wurde. Hier zählen nur Inventuren, Inventuren und nochmal Inventuren. Das Kassenjournal gibt Aufschluss darüber, ob Ware eventuell nur falsch gebucht wurde (zB Preisänderungen) oder ob die Ware tatsächlich verschwindet.
Die Inventuren sollten also vor und nach der Schicht der bestimmten Person angefertigt werden, falls man komplett im dunkeln tappt, muss man das bei allen machen. Bis sich der Kreis eben soweit schließt, dass man Stück für Stück Leute ausschließen kann. Ganz klassisches Ausschlussverfahren.
Wenn es ganz hart kommt, war es am Ende nicht nur einer, sondern zwei oder sogar drei. Ruck Zuck sind dann über ein paar Monate hinweg ganze Existenzen am Boden und gescheitert. Alles nur wegen Graf oder Gräfin Raffzahn.
Nun ist das Kind also in den Brunnen gefallen. Wie geht es weiter. Am einfachsten gestaltet sich der sofortige Aufhebungsvertrag. Entsprechender Mitarbeiter unterschreibt diesen und willigt damit ein, den Arbeitsplatz sofort aufzugeben und aus dem Unternehmen auszuscheiden. Vorteil: Kein Gerichtsverfahren, keine Kosten. Nachteil Mitarbeiter: Kürzung oder streichung Arbeitslosengeld für 90 Tage.
Möglichkeit Zwei: Fristlose Kündigung. Der Mitarbeiter wird sofort von seinem Arbeitsplatz und Aufgabenbereichen entbunden, entgegen seinem Willen. Nachteil: Der Mitarbeiter wird mit großer Wahrscheinlichkeit vor das Arbeitsgericht gehen und auf Weiterbeschäftigung bzw. Abfindung klagen.
Das bedeutet: Rechtsanwaltskosten, eventueller Vergleich. Nochmal viel Geld das einfach verschwindet, zusätzlich zu dem Diebstahl. Und das ist der springende Punkt: Vor Gericht weiß man nie wie es ausgeht, vor allem nicht vor dem Arbeitsgericht die oft Arbeitnehmerfreundlich eingestellt sind, was wenn das Gericht die Beweise, zB in Form von Inventuren ablehnt weil diese nicht eindeutig genug sind? Videoaufnahmen zu ungenau?
Da kann Geld verloren gehen was man nicht hat.
Möglichkeit eins ist also für den Arbeitgeber, der eventuell noch finanziell angeschlagen ist, eine saubere Lösung. Der Mitarbeiter ist sofort weg, man hat keine Klage zu befürchten und kann nun in Ruhe alles aufarbeiten und sich um die ganzen anderen Angelegenheiten kümmern.
Aber wie bekommt man den Angestellten dazu, den Aufhebungsvertrag zu Unterschreiben? Dazu gibt es mehrere theoretische Möglichkeiten. Eine davon wäre: Strafanzeige wegen Diebstahls und Unterschlagung, wenn, ja wenn man den Aufhebungsvertrag nicht unterschreibt.
Hier geht es, dass ist ganz wichtig, nicht um Erpressung. Ich empfinde das als höchst legitimes Mittel, dass dem Angestellten durchaus gravierende Vorteile bietet. Eine davon wäre: Keine rechtskräftige Verurteilung vor Gericht, kein Eintrag ins Führungszeugnis und vor allem hat man damit die Chance nochmal als Kassierer/in zu arbeiten.
Es ist in diesem Moment also ein ziemlich gutes Angebot das der Arbeitgeber macht. Eines, natürlich, mit gewissen Vorteilen, aber trotzdem sehr großzügig.
Egal wie es ausgeht, damit beginnt die Arbeit nochmal. Lohnbüro kontaktieren zum Austragen der Mitarbeiterin, Steuerkarte wieder besorgen, Abrechnungszettel erstellen, Schlüssel und Arbeitskleidung einsammeln und so weiter und so fort.
Und hier noch eine Geschichte zum Arbeitsamt:
Ich suchte eine Teilzeitkraft und wollte diese Stelle beim Arbeitsamt anmelden – online. Also dort alles ausgefüllt und registriert. Der PIN kommt mit der Post. Mit der POST… BEI EINER ONLINE ANMELDUNG… Na gut!
Nach zwei Tagen kam der Brief mit meinen Zugangsdaten und… Nein, nicht deren Ernst. Nun wollen die noch die Gewerbeanmeldung per Fax oder Post bevor meine Stellenausschreibung erscheinen kann.
Also mal beim Arbeitgeberservice der Bundesagentur für Arbeit angerufen. Der Herr war sehr nett, faxte mir ein Formular zu (das gleiche das ich Online ausfüllte) mit der Bitte das wieder an die angegebene Nummer zu schicken. Gemacht getan, dass war Freitags. Bis Mittwochs kein Rückruf. Also ich angerufen, die Dame war ziemlich patzig und kurz angebunden. Sie gab mir eine Durchwahl zu der entsprechenden Kollegin in der Stadt. Anruf dort, aber hier nur der Zimmerkollege. Unglaublich freundlich der Herr, schaute kurz nach, gab mir ein OK das alles da sei und schon eingegeben und schickte mir die Stellenanzeige per Mail mit der Bemerkung man stelle diese nun Online und suche selbst nach geeigneten Kandidaten. Arbeitgeberservice: 1x OK, 1x schlecht und 1x vorbildlich.
Die Zeit, die bei der Kontrolle von Mitarbeitern flöten geht, in ganz Deutschland, geht wohl in die Milliarden. Und das zu recht. Anscheinend. Zum Abschluss ein Satz meines Steuerberaters:
“Schade, dass man an Tankstellen nur noch gegen klauende Mitarbeiter arbeiten muss. Wirklich schlimm geworden die letzten Jahre.”
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Veröffentlicht in Mitarbeiter